Presse: Sommer in England

Douglas, Isle of Man. 26000 Einwohner zählt diese Stadt an der Ostseite der weltbekannten Insel in der Irischen See. Seit einigen Wochen hat hier auch Max Alletsee, ehemaliger Trainer des griechischen Rekordmeisters AO Veria, sein Quartier bezogen.

Seinen bisherigen Trainerstab ließ er in Griechenland zurück, sie sollen bei Veria Powerkrauts bulgarisches Team unterstützen. „Ich habe mich dazu entschieden, mit einem neuen Stab an meiner nächsten Arbeitsstelle zu beginnen“, sagt er. „Mein Umfeld bestand aus präzisen Kennern der griechischen Liga, dort liegt ihr Spezialgebiet. Hier im Norden wird anders gespielt, da muss man auch das Training anders gestalten. Deswegen diese bewusste Entscheidung gegen meinen alten Stab.“

Er sitzt in einem Café am Hafen von Douglas. Draußen bläst der Wind, die See ist rau; hier innen dampfen große Tassen, einige Einheimische spielen Backgammon, zwei Rentner beugen sich über ein Schachbrett. Seit einer Woche ist auch Alletsee hier ein regelmäßig gesehener Gast. Für die Sommerpause hat er sich vorgenommen, seine Trainingspläne zu überarbeiten, sie an die gröbere Spielweise in Großbritannien anzupassen. „Man braucht mehr Muskulatur für das britische Spiel“, erklärt er, „man muss stabiler gebaut sein. In Griechenland sind die Verteidiger große Brocken und die Stürmer eher klein und schmächtig. Hier ist die Abwehr beweglicher, dafür aber das Mittelfeld und der Sturm stärker gebaut. Das muss man berücksichtigen.“ Er wolle aber nicht bei Null anfangen, schiebt er sofort hinterher. Bei Veria habe er sich einige Gedanken zum One-Touch-Fußball gemacht – jeder Spieler nur wenige Ballberührungen, ein ständiges Passen, Verschieben. „Wenn das ordentlich klappt, kommt eine nicht perfekt funktionierende Abwehr ungeheuer ins Schwimmen. Und welche Defensive ist schon perfekt?“ Er grinst ein bisschen in sich hinein und in diesem Moment ist man sich absolut sicher, dass vor seinem inneren Auge gerade ein Film läuft, ein grandios vorgetragener Spielzug, der – natürlich! – in einem Tor gipfelt. Er greift nach seinem Kaffee und genießt einen Schluck, stellt die Tasse wieder ab und streicht mit den Fingern langsam über den Rand der Tasse. Für einen Moment ist er weg, nicht mehr Teil dieser Welt. Das Backgammon, die Schachspieler, der Wind draußen, die See, die an den Kaimauern hochschlägt – sie finden für einen kurzen Augenblick nicht statt.

Doch dann setzt er sich auf, legt die Hände aneinander und die Augen werden wieder scharf und klar. Er merkt, dass wir ihn beobachtet haben. Nur weiter, nicht darüber nachdenken… Er setzt wieder an: „Ich habe hier auf der Isle of Man natürlich auch Fußball angeschaut, das örtliche Spitzenspiel. Laxey gegen Saint Georges. Natürlich war das kein hochklassiges Spiel, aber das ist einem ja von vornherein bewusst. Dafür spürt man einfach, was den britischen Fußball so auszeichnet, diese Konzentration auf das Körperliche.“ Rugby habe er sich auch angesehen, den Douglas Rugby Club. „Ich wollte so viel in mich aufnehmen wie möglich. Jahrelang konnte ich den griechischen Fußball studieren und habe dort auch einige Ideen entwickelt, wie ein Spiel funktioniert. Hier, in dieser neuen Umgebung, muss man natürlich einen Teil davon vergessen können, weil die Mentalität einfach anders ist. Ich beobachte jedes Spiel sehr genau, um danach zu überprüfen: Was ist in Griechenland ähnlich, was ist in Griechenland anders? Und was heißt das für meine Vorstellungen? Mit dieser Fragestellung ziehe ich unheimlich viel Inhalt aus jeder Partie, und sei sie noch so unbedeutend. Die Essenz des Fußballs erlebt man in den unwichtigen Spielen, in denen unter Freunden. Man schaue sich ein Spiel in einem englischen Park und eines am brasilianischen Strand an – und sofort kann man beide Länder charakterisieren.“ Er hat seine Fassung wiedergefunden, redet wieder flüssig vom Fußball und seiner Philosophie. Das kleine Fenster ins Innenleben ist wieder verschlossen. „Aber natürlich versuche ich auch, mir ein paar niveauvollere Spiele anzusehen. Die Isle of Man liegt ja ziemlich zentral hier, mitten in der Irischen See. Man kommt mit der Fähre leicht nach Wales, nach Irland, an die englische und an die schottische Westküste. Das nutze ich aus, beobachte Spiele, beobachte das Training von etwas größeren Vereinen. Immer dabei: Mein Notizbuch.“ Es liegt auf dem Tisch vor ihm. Ein kleines Büchlein, ein Moleskine, wasserabweisend und robust. Auf der Vorderseite ein sich an den Rändern etwas lösender Aufkleber, die englischen „Three Lions“. Was wohl die Seiten füllen wird? Notizen zu Vereinen, zu Spielen, zu Spielern? Taktiken, Varianten, spontane Ideen, hineingekritzelt in ein schnell skizziertes Spielfeld? Was wäre es wohl für ein Verlust, wenn dieses Büchlein verschwindet, verbrennt, im Meer versinkt?

„Jede Mannschaft besteht aus einer Mischung von eher dynamischen und eher ruhigen Spielern“, setzt er wieder an, legt die Hand auf das Notizbuch und zieht es zu sich heran, neben die große Kaffeetasse. „Und diese Verteilung muss ausgewogen sein. Ein dynamischer Spieler ist impulsiv, er beschäftigt den Gegner oder er beschäftigt sich mit dem Gegner. Er spielt instinktiv, ohne viele Gedanken daran zu verschwenden. Fußball ist für ihn Bauchgefühl, Intuition. Er denkt nicht über die eigenen Laufwege nach, er geht sie einfach. Das ist wichtig, das sorgt dafür, dass das Spiel schnell wird und schnell bleibt. Aber sich nur darauf zu verlassen, klappt nicht, es braucht auch einen Zusatz an ruhigeren Spielern. Sie haben die Übersicht, das Auge, den Verstand, den Kopf. Sie sehen, wohin das Spiel laufen wird, sie erkennen Situationen und reagieren darauf. Jede Situation ist durchdacht, sie ist Ergebnis eines Prozesses, beim eigenen Angriff Ausdruck von Kreativität. Aber wenn man nur ruhige Spieler hat, dann wird man vom Gegner überrannt, bevor man drüber nachdenken kann. Eine Mischung ist das Ziel.“ Wieder gönnt er sich einen Schluck Kaffee, wieder kreisen die Finger am Rand der Tasse. „In jeder Mannschaft, die nicht gut zusammenspielt, fehlt dieses Gleichgewicht. Ich bin mir inzwischen sicher, so viele Spieler selbst beobachtet zu haben, dass ich bei praktisch jedem Team durch wenige Transfers wieder ein geordnetes Zusammenspiel erzeugen kann. Und das gilt für jeden Mannschaftsteil.“ Er blickt einen kurz und entschlossen in die Augen, dann schließt er seine, öffnet sie wieder, konzentriert sich auf das Meer draußen.

„Wissen Sie“, setzt er wieder an und räuspert sich kurz, „das hört sich jetzt so an, als ob ich hier jeden Tag sitzen und meinen Kaffee trinken würde und ab und zu mal ein Spiel beobachten. Oder eben öfters.“ Er pausiert kurz. „In Wahrheit sieht mein Tag so aus, dass ich mich nachmittags mit dem Fußball beschäftige, einige Stunden lang, konzentriert. Und vormittags, wenn ich nicht gerade aufs Festland unterwegs bin, um mir dort ein Spiel anzuschauen, dann drehe ich hier auf der Insel meine Runden, mache Waldläufe. In Veria habe ich das alles meinen Assistenztrainern überlassen und habe nur zugesehen; aber ich habe mir vorgenommen, hier so viel wie möglich selbst zu machen. Und nach all den Jahren zusehen muss man sich erst einmal wieder die Kondition erarbeiten, erlaufen. Ich ziehe mir die Laufschuhe an, schnappe den iPod und laufe los, gleichmäßiges Tempo, jeden Tag etwas länger. Hügel nehme ich in verschärftem Tempo, das muss etwas weh tun. Und so langsam merke ich, wie die Ausdauer zurückkehrt, wie ich so langsam wieder mit Fußballern mithalten kann. Das ist ein großartiges Gefühl, mit den „Arctic Monkeys“ auf den Ohren zu laufen und zu merken, dass es jeden Tag besser wird, dass man jeden Tag seinem Ziel ein kleines Stückchen näher kommt.“ Auf einmal lächelt er zufrieden. Die Arctic Monkeys, die arktischen Affen. Schon fast ein Sinnbild für ihn und seine Auffassung vom Fußball: Die Affen aus dem sonnigen Süden, die sich jetzt auf einmal mit kaltem, kühlen, rundum britischen Mistwetter herumschlagen müssen, das auf diese Affen ein wenig arktisch wirkt. Und dazu dieses zufriedene Lächeln…

-Max

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