Tea Time! #9

Dear readers,
ich habe mir für diese Woche vorgenommen, in dieser Woche über etwas zu schreiben, was ich hier noch nie getan habe: den englischen Fußball in der Welt außerhalb von Copa.

In der vergangenen Woche gab es einen Tag, an dem Freunde des englischen Fußballs besonders hellhörig geworden sein müssten. Am Mittwoch, den 6. Februar, war der fünfzigste Jahrestag des Munich Air Disaster. An diesem Tag des Jahres 1958 kamen im Schneetreiben von München acht Spieler von Manchester United ums Leben – und ein Verein stand unter Schock.

Manchester spielte zu dieser Zeit einen sehr schnellen, offensiven Fußball – und die Mannschaft war so jung, dass auf ihr die Hoffnungen des englischen Fußballs ruhten. Die Busby Babes, wie man sie rief, beherrschten eine Vorform des heute modernen Spiels mit offensiven Außenverteidigern und einem starken Mittelfeld.
Das Team befand sich auf dem Rückflug auf einem Europapokalspiel gegen Roter Stern Belgrad. Nur 48 Stunden später mussten die Spieler zurück in Manchester sein, um in der Premier League gegen die Wolverhampton Wanderers antreten zu können. Der eng gesteckte Terminplan war sicherlich die Hauptursache, weshalb die Chartermaschine mit den Fußballern an Bord an diesem Tag überhaupt noch abheben wollte.
United hatte einen jungen, aber routinierten Piloten engagiert, den 36-jährigen James Thain, der obendrein auch noch Vorsitzender der britischen Pilotenvereinigung war – also ein qualifizierter Mann, von dem man durchaus erwarten konnte, dass er im Ernstfall die Kohlen aus dem Feuer holt, wenn es technische Probleme gibt.
Die Untersuchungskommission versuchte später, Thain als den Hauptschuldigen zu benennen und vertuschte dabei die Fehler, die es von der Flughafenseite gab. So war es nicht möglich, die Startbahn vom Schnee zu räumen. Schneehöhen von 2cm galten als akzeptabel und ein solcher Wert wurde auch auf der Rollbahn gemessen. Allerdings war die Schneedecke im letzten Drittel der Startbahn dicker und lag mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über den erlaubten 2cm. Eigentlich hätte somit überhaupt keine Starterlaubnis erteilt werden dürfen.

Doch unabhängig von der Schuldfrage bleibt das Resultat gleich: An diesem Februartag vor fünfzig Jahren starben eine ganze Reihe talentierter englischer Fußballer und stürzten das Land in ein nationales Trauma.
Roger Byrne, Mannschaftskapitän, heute als einer der ersten englischen Außenverteidiger moderner und offensiver Prägung bekannt, fand ebenso den Tod wie Tommy Taylor, der Stoßstürmer mit der Quote von 128 Toren in 198 Spielen, Eddie Colman, der technisch beschlagene Mittelfeldspieler, Liam Wheelan, der als Halbstürmer vor allem durch Spielübersicht und präzises Passspiel glänzte und als einziger vor dem dritten Startversuch eine Todesahnung hatte („If this is the end, I’m prepared to go, I’m a good Catholic boy“ ist von ihm verbürgt), und Duncan Edwards, der in den Augen vieler Experten der beste englische Spieler überhaupt und trotz seines jungen Alters von nur 21 Jahren für seine äußerst spektakulären Tore bekannt war. All diese Fußballer fanden den Tod in München, obwohl man sich im Klinikum rechts der Isar mit unglaublichem Willen und Eifer um die Überlebenden gekümmert hatte (so kämpfte Edwards zwei Wochen mit dem Tod, verlor den Kampf aber schließlich).

Bobby Charlton, der als Verkörperung des Fairplay galt, überlebte das Unglück nur leicht verletzt, doch er konnte nicht verschmerzen, dass er viele seiner Freunde durch den Unfall verloren hatte. Er spielte weiter für Manchester, doch er alterte äußerlich rapide. Wie der ganze Verein schien er beseelt von der Vorstellung, durch sportliche Erfolge den Toten von München einen Sinn geben zu können. Bis zu dem Unfall herrschte die einhellige Meinung, mit den Busby Babes seien alle denkbaren Erfolge möglich. Nun mussten ihre Nachfolger in die Rolle der Ersatzhelden schlüpfen; man erwartete von ihnen, dass sie im Sinne der Babes spielten und genauso für den Verein brannten und kämpften – eine Erwartungshaltung, mit der vor allem die zugekauften Spieler von anderen Klubs ihre Probleme hatten. Als Manchester United 1968, also genau zehn Jahre nach dem Munich Air Disaster, den Europacup holen konnten, sagte George Best, der der Generation nach den Busby Babes entsprang, über seinen Mannschaftskollegen: „In diesem Augenblick wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass Bobby Charlton ein alter Mann ist.“ Der brachte nicht mehr die nötige Kraft auf, um an der Siegesfeier teilzunehmen. Zehn Jahre lang hatte er den Verlust seiner Freunde und Kameraden dadurch zu bewältigen versucht, indem er den Erfolgen, die er eigentlich mit ihnen hatte feiern wollen, nachjagte. Als er das nach zehn Jahren geschafft hatte, lag er einsam in seinem Hotelzimmer und weinte.

In stillem Gedenken.
Best regards!

Advertisements

Eine Antwort zu “Tea Time! #9

  1. hab „den“ Artikel noch nicht gelesen, aber dieser erweckt auch schon einiges…*schnief*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s